Particify
Das Audience Response System Particify bietet verschiedene Möglichkeiten der Interaktivität mit Lerngruppen, während Veranstaltungen und asynchron zur individuellen Bearbeitung. Es bietet verschiedene Frage- und Aktivitätstypen für Meinungsbilder, Wissensabfragen oder Q&As und Live-Feedback während Veranstaltungen.
Particify ist ein deutsches Unternehmen, das von einigen der Entwickler von ARSnova gegründet wurde. Particify erfüllt nach eigenen Angaben die europäischen Datenschutzbestimmungen. Nach Auskunft des Unternehmens ist die Oberfläche sowohl für Teilnehmer*innen als auch für die Vortragenden hinsichtlich der Barrierefreiheit optimiert. Eine ausführliche Barrierefreiheitserklärung dokumentiert den Stand der Konformität mit der WCAG 2.1 (Stand April 2021). Alle Kriterien des Levels A und AA werden als erfüllt oder sind nicht anwendbar ausgewiesen. Manche Kriterien hängen von den Autor*innen der Fragenserien ab (Alternativtexte, sprechende Links u.ä.).
Das Kompetenzzentrum hat den Test im Februar 2024 durchgeführt. Getestet wurde auf Smartphones (Samsung Galaxy A7 mit Android 10, iPhone SE) und am Computer mit Screenreader (NVDA) und Firefox-Browser, Chrome mit Vergrößerung, Zoomtext mit Firefox sowie Sprachsteuerung (Voice Controll iOS) mit Safari.
Testergebnisse
Stand: Februar 2024
Particify lässt sich mit allen Geräten im Wesentlichen gut bedienen. Die Testpersonen, die mit Vergrößerung oder Tastaturbedienung arbeiten, haben die Usability als überwiegend gut eingeschätzt. Mit Voice Over, Screenreader und Sprachsteuerung gibt es allerdings einige Einschränkungen, da nicht alle Fragetypen zugänglich sind. Die Ergebnisdarstellungen kann mit Screenreadern und Voice Over nicht gelesen werden können.
Im Vergleich zu Wooclap und Mentimeter gibt es weniger Frage- und Interaktionsmöglichkeiten. Ein Vorteil von Particify ist es, dass die Ergebnisse auch auf den Endgeräten der Teilnehmer*innen dargestellt werden. Allerdings sind die Ergebnisse für Screenreader und Voice Over nicht lesbar. Im Urteil der Tester*innen gab es an Particify mehr Kritik als an den anderen Audience Response Systemen. Die Kritik galt vor allem der Unzugänglichkeit der Ergebnisdarstellung auf den Endgeräten der Teilnehmer*innen, eine Funktion, die es bei den anderen ARS-Systemen nicht oder nur eingeschränkt gibt. An den Interaktionsmöglichkeiten mit den Frage- und Aktivitätstypen gab es nur vereinzelt Kritik.
Übersicht: Usability bei verschiedenen Arbeitstechniken
| Hilfsmittel/Arbeitstechnik | Testergebnis | Empfehlung |
|---|---|---|
| Smartphone mit Sprachausgabe | funktioniert mittelmäßig | o |
| Screenreader | funktioniert mittelmäßig | o |
| Tastaturbedienung | funktioniert gut | + |
| Sprachsteuerung (iOS) | funktioniert gut | + |
| Vergrößerung/Kontraste | funktioniert gut | + |
| ohne assistive Technologie | funktioniert gut | + |
+ = gut geeignet; o = mittelmäßig geeignet, Anpassungen nötig; − = ungeeignet
Hinweise für Nutzer*innen
Particify lässt sich sowohl mit dem iPhone mit der Sprachausgabe als auch mit Screenreader am Computer bedienen. Die Oberfläche war für die Screenreader-Nutzenden nicht immer intuitiv.
Barrieren
- Fragetyp „Sortierung“ lässt sich mit Screenreader nicht bedienen, mit Voice Over am Smartphone nur sehr umständlich.
- Die Ergebnisdarstellung ist bei geschlossenen Fragen nicht zugänglich, weil die Ergebnisgrafiken und die richtigen Lösungen nicht vorgelesen werden.
- Bei Live-Voting werden die Posts laufend vom Screenreader angesagt, was bei reger Beteiligung sehr anstrengend sein kann und den Tester daran gehindert hat, selbst ein Votum abzugeben.
- Bei Q&A ist der Button „Beitrag absenden“ nicht intuitiv zu finden.
Hinweise für die Bedienung mit Voice Over
Bei Fragetyp Sortierung muss das zu verschiebende Element mit Doppelklick aktiviert werden und kann dann hoch- oder herunter geschoben werden. Allerdings wird nicht angesagt, an welche Stelle es verschoben wird. Dies lässt sich nur durch Vorlesen der Reihenfolge herausbekommen.
Particify lässt sich mit der Sprachsteuerung bedienen. Viele Fragenarten funktionieren problemlos.
Barrieren
- Fragetyp „Sortierung“ lässt sich mit der Sprachsteuerung nicht bedienen.
- Der Fragetyp „Wortwolke“ ließ sich erst mit der Sprachausgabe bedienen, nachdem einmal etwas mit der Tastatur eingegeben wurde.
Particify lässt sich ohne Einschränkungen mit der Tastatur bedienen. Der Tastaturfokus ist sichtbar und es gibt keine Tastaturfallen. Allerdings dauert die Beantwortung mancher Fragetypen lange.
Usability-Problem
Der Fragetyp „Priorisierung“ ist nur umständlich zu bedienen, da die Plus- und Minus-Schalter nicht für die Tastatur nutzbar sind. Deshalb wurde erst durch Ausprobieren entdeckt, dass man nur 10er Schritte eingeben kann.
Particify ist mit Zoomtext oder Browservergrößerung sowie Farbinvertierung gut zu bedienen. Die Farbkontraste sind im Wesentlichen gut.
Usability-Probleme
- Der Enthalten-Button wird leicht übersehen, da er nur mit einer schwachen grauen Linie umrahmt ist. Das Gleiche gilt für den Umdrehen-Button auf der Rückseite der Lernkarte.
- Die Ergebnisdarstellung Wortwolke ist umständlich zu lesen. Hilfreich wäre es, wenn man zwischen der Darstellung als Wortwolke und Liste wählen könnte.
- Die Ergebnisdarstellung bei Priorisierung ist bei den Nutzer*innen nicht sortiert. Da bei großer Vergrößerung nicht alle Balken zu sehen sind, ist es schwer, sich die Rangfolge zu erschließen.
- Bei Live-Feedback erhalten die Teilnehmer*innen kein Feedback, dass ein Votum abgegeben haben.
- Die Like-Funktion bei Q&A-Beiträgen ist unklar (1 oder -1).
Hinweise für Lehrende
- Folgende Fragetypen sollten Sie vermeiden, wenn Studierende mit folgenden assistiven Technologien in Ihrer Lerngruppe sind:
- „Priorisierung“ ist für Nutzer*innen mit Screenreader nicht nutzbar.
- Die Ergebnisse sind zwar für die meisten Teilnehmer*innen auf ihren Endgeräten sichtbar, aber werden Nutzer*innen von Sprachausgabe nicht vorgelesen. Beschreiben Sie deshalb die Ergebnisse mündlich.
- Die Tests haben gezeigt, dass nicht alle Funktionen intuitiv von den Testpersonen erkannt wurden. Geben Sie deshalb Hinweise, wie die Fragen funktionieren und dass die Teilnehmer*innen sich die Ergebnisse und die richtigen Antworten anzeigen lassen können.
Hinweise für Entwickler*innen
Wir führen die in den Tests gefundenen Barrieren hier sortiert nach den Richtlinien der gültigen europäischen Norm EN 301 549 auf, auf die die BITV 2.0 des Bundes und der Länder verweisen. Die Richtlinien beschreiben die zu erfüllenden Erfolgskriterien. In der WCAG 2.1 sind zusätzlich Techniken angegeben, wie die Kriterien erfüllt werden können. BITV, EN 301 549 und die WCAG 2.1 sind deshalb wichtige Dokumente für die Entwickler*innen, um ihre Anwendungen barrierefrei zu programmieren. Der ARIA Authoring Practices Guide (APG) der W3C gibt zudem Hinweise zur Programmierung barrierefreier Webseiten. Die Nummern der Überschriften entsprechen den Kapitelnummern der EN 301 549.
9.1 Wahrnehmbar
9.1.1 Textalternativen
9.1.1.1b Alternativtexte für Grafiken
Die Ergebnisse von geschlossenen Fragen sollten für Screenreader-Nutzer*innen auch als Tabellen oder Listen ausgegeben werden und nicht nur als Grafiken.
9.1.3 Anpassbar
9.1.3.3 Ohne Bezug auf sensorische Merkmale nutzbar
Die Darstellung der richtigen Lösungen sollten nicht nur über Farbe dargestellt werden.
9.1.4 Unterscheidbar
9.1.4.4 Text auf 200 Prozent vergrößerbar (Usability-Hinweis)
Bei einer Vergrößerung auf 200 Prozent und mehr ist es für die Teilnehmer*innen schwierig, die Ergebnisse von geschlossenen Fragen auf ihrem Endgerät schnell zu erfassen, da sie nicht sortiert dargestellt werden und nicht alle Balken gleichzeitig auf dem Bildschirm zu sehen sind. Die Ergebnisse sollten deshalb auch in der Teilnehmeransicht sortiert werden.
9.1.4.11 Kontraste von Grafiken und grafischen Bedienelementen ausreichend
Die Schalter „Enthalten“ und „Umdrehen“ auf der Rückseite der Lernkarten ist schlecht als solche zu erkennen, da sie nicht oder nur in schwachem Hellgrau (1,3:3) umrandet sind.
9.4 Robustheit
9.4.1 Kompatibel
9.4.1.2 Name, Rolle, Wert verfügbar
Der Fragetyp Sortieren muss für Screenreadernutzer*innen und die Sprachsteuerung bedienbar gemacht werden. Die Tatsache, dass der Fragetyp mit der Tastatur bedienbar ist, aber nicht mit dem Screenreader und Sprachsteuerung, lässt auf Fehlende oder unzureichende ARIA-Markierungen schließen.
Für Voice Over-Bedienung ist es sinnvoll, wenn die Elemente eindeutig mit einem Klick um eine Position nach oben verschoben werden. Derzeit wird nicht angesagt, wieweit die Nutzer*innen das Element verschieben.
Zur besseren Lesbarkeit der Ergebnisse sollte es die Möglichkeit geben, bei der Darstellung offener Antworten zwischen einer Wortwolke und einer Liste wählen zu können.
Lizenzhinweis
Zitiervorschlag
„Audience Response Systeme - Ergebnisse der Barrierefreiheits- und Usability-Tests und Empfehlungen zum Einsatz in Studium und Lehre. Kompetenzzentrum digitale Barrierefreiheit.nrw, Technische Universität Dortmund, Stand: Oktober 2023“, Lizenziert unter: CC BY 4.0.
Ausgenommen von der Lizenz sind verwendete Logos, Bilder und Bedienoberflächen.

