Screenreader als assitive Technologie im Studium
Autorin: Rose Rokic, veröffentlicht am 13.02.2025
Studieren bedeutet, wissenschaftlich zu arbeiten. Für viele Studierende, die gar nicht oder nur wenig sehen können, bietet ein Screenreader die unerlässliche Hilfe. Ob bei der Online-Recherche in Bibliothekskatalogen, beim Lesen wissenschaftlicher Texte oder beim Erstellen von Präsentationen – der Screenreader spricht die Bildschirminhalte, übersetzt in Brailleschrift und schafft so den Zugang zu digitalen Informationen für blinde Studierende. Für sie ist es gleichermaßen möglich, dank verschiedener Screenreader auf einem Windows-Rechner, einem MacBook oder einem Smartphone zu arbeiten.
Doch welcher Screenreader wird wie eingesetzt und wie funktioniert das Navigieren genau?
Sehbehinderungen reichen von leicht eingeschränktem Sehvermögen bis hin zu hochgradigen Beeinträchtigungen der visuellen Wahrnehmung.
Es gibt zahlreiche Erkrankungen, die das Sehvermögen beeinflussen. Grauer Star, Makuladegeneration, Retinitis Pigmentosa oder Diabetische Retinopathie sind einige davon, welche zu einer der nachfolgend aufgeführten Einschränkungen führen können. Beeinflusst wird entweder die zentrale Sehschärfe, das Sichtfeld oder die Farberkennung. Weitere mögliche Einschränkungen äußern sich in der Blend-Empfindlichkeit, Nachtblindheit oder einem sog. Tunnelblick, fleckigem Sehen etc. Ganz gleich, welche Art der visuellen Einschränkung vorliegt, die Bedarfe Studierender mit einer Sehbehinderung erfordern individuell angepasste Lösungen im Studium.
Diese kommen als assistive Technologien oder als vergrößernde Hilfsmittel in Form von Hard- oder Software zum Einsatz.
Gängige Screenreader im Überblick und ihre praktische Anwendungsbreiche im Studienalltag
Es gibt verschiedene Screenreader: kostenfreie und kostenpflichtige oder bereits im Betriebssystem integrierte. Die gängigen Screenreader sind JAWS und NVDA für Windows, VoiceOver für Apple-Geräte sowie TalkBack für Android. Auf dem Computer nutzen Studierende den Screenreader, indem sie die dafür vorgesehenen Tastenkombinationen anwenden und auf dem Smartphone bestimmte Gesten einsetzen. So bieten Screenreader sehbeeinträchtigten Studierenden verschiedene Nutzungsmöglichkeiten, indem sie Bildschirminhalte vorlesen und in Brailleschrift ausgeben – sowohl auf Computern als auch auf Tablets und Smartphones.
Studienrelevante Inhalte, wie Präsentationen, Bücher, PDF-Dokumente, Formeln und Webseiten können Studierende folglich eigenständig nutzen, denn ihnen werden Texte, Grafiken mit Alternativtexten, Navigationselemente und andere visuelle Informationen des Bildschirms in gesprochene Sprache oder Brailleschrift umgewandelt. Der Funktionsumfang gängiger Screenreader ist zudem individuell anpassbar, sodass Einstellungen wie Sprechgeschwindigkeit, Stimme oder Fokusverfolgung den persönlichen Bedürfnissen der Nutzer*innen entsprechen können.
Studierende navigieren mittels Tastatur oder Gesten, wenn der Screenreader aktiviert ist. Die Tastenbefehle müssen für jede Anwendung erlernt werden und sind nicht bei allen Betriebssystemen gleich. Während beispielsweise unter Windows meist zwei Tasten für die Ausführung eines Befehls gleichzeitig gedrückt werden, müssen auf dem MAC auch schon mal drei Tasten parallel betätigt werden, damit ein Befehl beim aktivierten Screenreader erfolgt.
Ein professioneller Screenreader für Windows, der sowohl Sprachausgabe als auch Braille-Unterstützung bietet. Er ermöglicht das Vorlesen von Bildschirminhalten und die Navigation mittels Tastenkombinationen. JAWS unterstützt gängige Programme wie Microsoft Office und verschiedene Internetbrowser. Die Anschaffung ist kostenpflichtig, wobei die Finanzierung im Studium über die Eingliederungshilfe erfolgen kann.
Mithilfe von JAWS lassen sich studienrelevante Inhalte bearbeiten und vorlesen. Studierende können beispielsweise Präsentationen im PowerPoint lesen und erstellen, indem sie Kurztastenbefehle für JAWS anwenden. Eine Folie weiter schaltet man z. B. mit der Leertaste und mit der Rücktaste wieder zurück. Daneben lassen sich Dokumente im Word, Tabellen im Excel und zahlreiche andere Datei-Formate in diversen Programmen unter Windows nutzen. Die Navigation erfolgt mittels Tastatur und die Informationen können entweder über die Sprachausgabe oder über die Braillezeile in Blindenschrift ausgegeben werden. Der Screenreader JAWS ist auch anpassbar. Das heißt, sollte es im Studium vorkommen, dass eine Software erforderlich ist, die noch nicht mit JAWS kompatibel ist, so können technische Anpassungen vorgenommen werden. Dafür sind bestimmte Programmierkenntnisse erforderlich, die als Dienstleistung von Hilfsmittelfirmen angeboten werden.
Ein kostenloser und quelloffener Screenreader für Windows. NVDA bietet Sprachausgabe, Braillezeilen Unterstützung und Navigation über Tastenkombinationen. Es stellt eine barrierefreie Alternative zu kostenpflichtigen Screenreadern dar.
Auch mit dem Screenreader NVDA lassen sich studienrelevante Inhalte unter Windows mittels Tastatur nutzen. Die Ausgabe ist, ähnlich wie bei JAWS, entweder mittels Sprachausgabe oder auf der Braillezeile in Blindenschrift möglich. Dokumente lassen sich in Word, Adobe Acrobat oder Excel ebenso erstellen und bearbeiten, wie Präsentationen im PowerPoint. Die Navigation unterscheidet sich ein wenig von der Navigation mit JAWS und die Anpassungen auch, da NVDA als Open-Source-Software verfügbar ist.
Der in Windows integrierte Screenreader ermöglicht die Bedienung des Betriebssystems sowie die Arbeit mit Programmen und Dokumenten unter Windows. Narrator ist kostenfrei und bereits vorinstalliert, mit individuell einstellbaren Stimmen, Geschwindigkeiten und Tonhöhen. Die Anpassungen der Sprachausgabe sind begrenzt und die Anwendung im Studium eher eingeschränkt möglich. Zwar lassen sich Dokumente erstellen und lesen, bei der Bearbeitung stoßen Studierende auf unzureichende Ausführung mittels Sprachausgabe und Braille, da diese nur eingeschränkte Funktionen liefert.
Der Screenreader von Apple ist integriert in macOS, iOS und iPadOS. VoiceOver liest unter iOS Bildschirminhalte vor und erleichtert die Bedienung von Apple-Geräten. Er bietet Unterstützung für Braillezeilen in verschiedenen Sprachen und ermöglicht die Navigation durch Inhalte mittels Tastenkombinationen oder Gesten. Studierende können zahlreiche VoiceOver-Funktionen auf deren Bedarfe anpassen und in Dokumenten, auf Webseiten oder Apps navigieren. Es lassen sich beispielsweise Screenshots von grafischen Inhalten erstellen und vom Voice Over beschreiben, Inhalte in anderen Sprachen schreiben und lesen, multimediale Projekte bearbeiten etc.
TalkBack ist der Screenreader, der auf Android Geräten eingesetzt wird. Er liest ebenso Bildschirminhalte vor und lässt sich mittels Gästen steuern. Auch hier kann die Sprechgeschwindigkeit, Stimme, Aussprache etc. individuell eingestellt werden. TalkBack wird auf Smartphones und Tablets unter Android eingesetzt und ist stark davon abhängig, wie barrierefrei die Apps programmiert sind, auf die es zugreift. Studierende nutzen die Sprachausgabe, um sich Inhalte vorlesen zu lassen, um zu recherchieren oder Notizen zu erstellen. Auch kann die Sprachausgabe-Funktion in Kombination mit der Zoom-Vergrößerung im Studium, zum Beispiel bei Sehbehinderung, eingesetzt werden.
Die Wahl des passenden Screenreaders sollte auf einer individuellen Bedarfsanalyse basieren. Beratungsstellen an Hochschulen, Selbsthilfevereine oder Hilfsmittelmessen bieten Unterstützung bei der Entscheidungsfindung.
Kosten und Finanzierung
Finanzierungsmöglichkeiten bestehen über Krankenkassen für die private Nutzung oder über die Eingliederungshilfe im Rahmen des Studiums. Dafür ist es erforderlich, dass die Kostenübernahme beantragt wird. Der Antrag muss eine Begründung beinhalten sowie drei Kostenvoranschläge von Hilfsmittelfirmen. Da die meisten genannten Screenreader kostenfrei verfügbar sind, bezieht sich die Beantragung auf den Screenreader JAWS, welcher von diversen Hilfsmittelfirmen in Deutschland vertrieben wird.
Beratung und Erfahrungsaustausch
Erfahrungsberichte von Studierenden, die selbst Hilfsmittel wie Screenreader nutzen, bieten wertvolle Einblicke in den praktischen Einsatz von JAWS, NVDA, VoiceOver und Co. im Studienalltag. Tipps zur Antragstellung und Hinweise auf weitere Leistungen bei der Hilfsmittelversorgung, wie Einweisungen und regelmäßige Wartungen, sind ebenfalls hilfreich.
Lizenzhinweis
Zitiervorschlag
„Screenreader als assitive Technologie im Studium. Kompetenzzentrum digitale Barrierefreiheit.nrw, Technische Universität Dortmund, Stand: Februar 2025“, Lizenziert unter: CC BY 4.0.
Ausgenommen von der Lizenz sind enthaltene Logos, Bilder und Bedienoberflächen.

